Íkumene Kirche Gott Jesus Christus Ehren Lieben Gebote

Ehren - Lieben, Grund für Verwirrung:
Zusammenfassung: Der Ausspruch Jesu, daß man ihn mehr lieben solle
als seine eigenen Eltern führt zu mancherlei Verwirrung. Um die daraus
entstehenden Verunsicherungen zu beheben, will ich mit diesen
"Gedanken" ausführlich auf die Problematik, vor allem in Bezug auf das
vierte Gebot, eingehen.
Empfehlung: Da dieser Artikel relativ lange ist, würde ich empfehlen, dies
Site entweder abzuspeichern oder sie einfach auszudrucken, um ihn
später offline lesen zu können.
Neulich im Krankenhausnachtdienst kam ein älterer Herr zu mir, weil er
plötzlich unter einer massiven Schwindelattake gelitten hatte, die ihm
ziemliche Angst einjagte. - Wie das nachts oft so ist, kamen wir, während
ich ihn untersuchte und behandelte, ins Gespräch. Bei den Themen familäre
Verhältnisse und Kinder ließ er dann plötzlich folgende Sätze fallen, die
mich jetzt schon einige Zeit beschäftigen:

"Also Herr Doktor, ich komme soundso nicht in den Himmel. Ich glaube
das alles nicht, was die uns so sagen."

Auf meine Frage, was er damit meinte, antwortete er: "Unser Pfarrer hat
gesagt, daß Jesus behauptet hätte, wer ihn nicht mehr liebe als seine Eltern,
der kann nicht in den Himmel kommen. - Aber in der Bibel steht doch ganz
klar drin, daß man seine Eltern lieben solle. Und wenn ich jetzt Jesus mehr
lieben soll als sie, dann liebe ich meine Eltern doch weniger als ihn. Das
kann doch zu richtig bösen Situationen führen. - Ja und da breche ich doch
das Gebot über die Liebe zu meinen Eltern.
Das widerspricht sich doch alles! Das macht doch alles unglaubwürdig! -
Nein, ich glaube das alles nicht."

Da lag einer vor mir in seinem Bett, hat in seinem langen Leben schon viel
erlebt, gehört und auch nachgedacht und kommt zu ganz anderen
Schlußfolgerungen als ich - und er steht in einer Situation, die ihm Angst
macht, vielleicht bald sterben zu müssen.

Ich war einigermaßen betroffen.

Während wir uns unterhielten habe ich ihn natürlich weiter behandelt und
sein Schwindel, der auf einer Blutdruckkrise basierte, ließ rasch und
deutlich nach. Und, wie das so ist, ließ dann auch die Angst dieses alten
Mannes nach und ihm wurde unser Thema peinlich, so daß er nicht weiter
mit mir darüber sprechen wollte und vom Thema ablenkte.

Schade, denke ich. Denn eigentlich hat er ja weniger Angst vor dem
Sterben, als vielmehr davor, was denn dann aus ihm wird, wo er doch
meint, nicht in den Himmel kommen zu können, weil ihn die Bibel verwirrt
und sie ihm unglaubwürdig vorkommt, - vor Allem im Bezug auf die Liebe
zu den Eltern und zu Jesus.

Diese Angst wird ja auch irgendwann wiederkommen. Bei der nächsten
Krise oder in den langen schlaflosen Krankenhausnächten, wenn er wieder
ins Grübeln kommt. Und dann hat er vielleicht niemanden mit dem er
darüber reden kann -schade!

Aber gehen wir seinem Problem einmal auf den Grund. - Wie das mit der
Verwirrung oft so ist, so ist es nach meiner Meinung auch hier:
Der arme Mann hat nicht genau zugehört, bzw. nicht genau nachgelesen:

Was steht denn konkret in der Bibel?.
Exodus (Zweites Buch Mose) 20,12 Du sollst deinen Vater und deine
Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR,
dein Gott, geben wird.
Da steht nichts von man solle seine Eltern lieben. Da steht etwas von
ehren! - Interessant, nicht war?

Bei kleinen Kindern ist die Situation noch relativ einfach: Sie lieben Mama
und Papa. Mama und Papa sind die größten, schönsten, klügsten, usw.
Menschen auf der Welt. Sie ehren und lieben sie, es ist ihnen geradezu
angeboren.

Größere Kinder fangen schon an zu differenzieren, sie vergleichen mit den
Großeltern, Onkeln und Tanten, mit den Freunden der Familie und anderen
Erwachsenen. Da fängt das Gebot langsam an zu greifen.

In dem Maße mit dem die bedingungslose Kleinkindliebe schwindet
müssen reifere Gefühle in den Kindern entstehen, damit die Eltern die
Möglichkeit haben ihre Kinder zu erziehen, sie auf das Leben
vorzubereiten. Diese Kleinkinderliebe muß sich in Richtung ehren, heute
würden wir da lieber das Wort achten oder respektieren verwenden,
weiterentwickeln.

Wie ist das mit den Heranwachsenden, Jugendlichen, den jungen
Erwachsenen?

Da beginnt die Sache doch schon spannend zu werden, um nicht zu sagen,
die Lage ist bereits oft angespannt. Da ist von Liebe zu den Eltern oft nicht
mehr viel zu bemerken. Aber wie ist es mit der Ehre, oder bleiben wir bei
dem Wort Respekt? -

So mancher junge Mensch könnte sich viel zukünftigen Ärger und so
manches Problem ersparen, wenn er wenigstens soviel Respekt aufbringen
würde, daß er sich den meist wohlmeinenden Rat seiner Eltern wenigstens
anhören und darüber ernsthaft nachdenken würde (wie auch immer er sich
dann auch entscheidet). Aber, - oft genug werden die Eltern als
altmodisch, rückschrittlich, unwissend, wenn nicht gar als dumm
angesehen; sie werden gar nicht mehr gefragt, ihnen wird nicht mehr
zugehört. Da ist von Ehre oder Respekt gegenüber Vater und Mutter kaum
mehr etwas geblieben.

Wieviel Kummer könnte so ein junger Mensch nicht nur seinen Eltern,
sondern und vor allen Dingen auch sich selbst ersparen, wenn er sich das
vierte Gebot zu Herzen nehmen würde? Denken Sie nur an die vielen
Looser in unserer Gesellschaft.

Noch spannender wird es bei den im mittleren Lebensalter stehenden
Erwachsenen. Da will ich gleich zwei Extreme herausgreifen:

1. Die Erwachsenen, die Ihre Eltern nicht ehren, die keinen Respekt vor
ihnen haben, vielleicht weil diese Eltern krank, gebrechlich sind. Vielleicht
sind ihre Eltern auch geistig nicht mehr auf der Höhe, vielleicht sogar
richtig verwirrt, bösartig, aggressiv? - Das gibt es! Da ist es schwer zu
ehren, Respekt zu haben! -

Was machen nun diese mitten im Leben stehenden Erwachsenen?
Häufigste Lösung hier in Deutschland ist das Abschieben in Alten- und
Pflegeheime. Die aktuelle Diskussion geht sogar wieder einmal hin bis zur
aktiven Sterbehilfe - das hatten wir alles schon einmal, wenn auch unter
anderen Vorzeichen und Begründungen. damals hieß es "Lebensunwertes
Leben", heute läuft es unter "Erlösung von einem unerträglichen Leben"
oder ähnlichen Formulierungen. Ist das Liebe? Ist das Ehr, Achtung,
Respekt?

Das Argument, "ich muß mich schließlich um meine eigenen Kinder, um
meinen Beruf kümmern und meine eigne Familie ernähren, außerdem, ich
bezahle ja auch die Unterbringung meines alten Vaters, alten Mutter",
erscheint mir da schon ehrlicher. - Aber, ist es wirklich aufrichtig? Ist es
nicht oberflächlich? Stecken hinter diesen Argumentationen nicht : "Der,
die kann eh nichts mehr leisten, ist nur noch im Weg, macht mir nur noch
Arbeit, behindert mich in meiner Lebensentfaltung, Freizeit, etc.?
Aus der Sicht unserer Leistungsgesellschaft gesehen treffende Argumente
die der Würde dieser alten Leute entgegenstehen.
Es waren aber gerade diese Alten, die unseren heutigen Wohlstand
aufgebaut haben. Daran muß man denken bevor man sie abschiebt oder,
im Extremfall, ihnen gar aktiv beim Sterben hilft.

Die Beachtung des vierten Gebotes hätte die Konsequenz, daß sich die
mitten im Leben stehenden Erwachsenen selbst um das Wohlergehn ihrer
Eltern kümmern müssten. Professionelle Hilfen stehen im ambulanten
Bereich durchaus zur Verfügung. Die positive Kehrseite wäre, daß diese
Erwachsenen, wenn sie selbst einmal alt werden, die berechtigte
Hoffnung haben könnten, im Kreis ihrer Familie mit den Enkeln und
Urenkeln altwerden zu können, ohne den Lebensmut auf Grund von
Vereinsammung oder durch durch finanzpolitische Maßnahmen
verursachte Minimalpflege zu verlieren. Diese vierte Gebot schützt uns
selbst vor dem Verlust an Menschenwürde, unabhängig von
Leistungszwang.

Das andere Extrem:
2. Erwachsene, die ihre Eltern "lieben". Wer kennt sie nicht, diese
Menschen, die sich "rührend" um ihre Eltern kümmern, die ihnen jeden
Wunsch von den Augen ablesen, die sich aufopfern? Wer kennt
niemanden, der auf eine eigene Wohnung, auf eine eigenen Partnerschaft,
auf eigene Kinder verzichtet?

Aber - ist das wirklich Liebe?

Da spielt sich doch in Wirklichkeit ein Drama ab, wenn beispielsweise ein
erwachsener Mann noch immer bei seiner Mutter lebt und selbst auf ein
Ehe- und Familienleben verzichtet. Dahinter stecken doch meist
Abhängigkeiten der verschiedensten Art, angefangen von einem Mann,
der aus der Bequemlichkeit nicht herausfindet, weil seine Mutter noch
immer die nährende, kleidende Mamma für ihn geblieben ist bis hin zu
Müttern, die ihre "Kinder" eifersüchtig festhalten und jeder zarten Bande
zu einer anderen Frau rigoros einen Riegel vorschieben.

Wenn man in eine solche Kind-Eltern-Beziehung hineinsieht, wird einem
deutlich klar, daß da etwas nicht stimmt, daß es geradezu krankhaft wird
und jede Form eines Erwachsenenlebens erstickt.

Hier "liebt" jemand seine Eltern mehr als sein eigenes Leben, mehr als
Jesus, mehr als Gott.

Das hat weder etwas mit einer erwachsenen, reifen Form von Liebe,
noch etwas mit dem Gebot, "du sollst deinen Vater und Mutter ehren" zu
tun.

Und genau da hackt Jesus ein. Da befreit Jesus diese in Abhängigkeiten
verstrickten Menschen und zeigt ihnen einen Ausweg mit seinem
Ausspruch:
Evangelium nach Matthäus, 10,37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt
als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr
liebt als mich, der ist meiner nicht wert. 10,38 Und wer nicht sein
Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.
10,39 Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben
verliert um meinetwillen, der wird's finden.
Und hier bin ich wieder bei meinem Patienten, hier schließt sich der Kreis.

Das vierte Gebot, die Eltern zu ehren, sie zu achten und zu respektieren ist
ein Geot der Mitmenschlichkeit. Es ist ein Gebot, das die Würde und die
Gefühle der Menschen erhält, von dem letzendlich jeder über kurz oder
Lang profitiert, indem es uns Menschen vor Vernachlässigung, Armut und
Einsamkeit im Alter bewahrt.

Die Liebe zu Gott, zu Jesus Christus macht uns frei dazu, denn sie löst uns
aus falsch verstandener Liebe, aus Abhängigkeiten, die ein "Leben in Fülle"
unmöglich machen können.

Dies ist der Punkt an dem sich schließlich beide Gebote treffen.

Der Widerspruch, den mein Patient gesehen hat, ist in Wahrhweit lediglich
ein Mißverständniß. Fatal für ihn, da es ihn so sehr beunruhigt - fatal für die
einen, die ihr Leben in Rücksichtslosigkeit verbringen, die sich eines Tages
an ihnen selber rächen wird, wenn sie selbst einmal alt geworden sind.Fatal
für die anderen, die ihr eigenes Leben, in Abhängigkeiten verstrickt, in
falsch verstandener Elternliebe aufopfern, und sich so den Zugang zu einem
Erwachsenenleben selbst verstellen.