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Erste Erfahrungen eines Protestanten mit der katholischen Meßfeier

"Werden sich die alten Vorurteile bewahrheiten? Begehe ich nicht etwas Verbotenes? Werde ich gleich als Protestant erkannt und mit strengem Blick hinausgeworfen werden?"

All diese Fragen bewegten mich, als ich das erste mal die Klosterkirche der Retemptoristen in Forchheim zu einer Meßfeier betrat.

"Nein, ich will es wissen" Fast trotzig öffnete ich das Kirchentor und trat, wenn auch mit einem etwas beklommenem Gefühl, ein.

"Ich werde mir das Ganze ansehen und nur so weit mitmachen, als ich es für gut und richtig erkenne. - Dinge, die mir wie Aberglaube vorkommen, will ich nur registrieren, aber keinesfalls mitmachen. Ich will meinen Gott nicht beleidigen." Meine katholische Begleiterin hat mich, ob meiner Gedanken, nur etwas belächelt, aber nichts dazu gesagt.

Schon am Eingang dieser Weihwasserkessel: "Soll das eine Art Zauberwasser sein?" "Nein, das ist das gleiche Wasser mit dem Taufen abgehalten werden. Du bist doch auch getauft: Du sollst an Deine Taufe erinnert werden. Du sollst spüren, daß Du Gottes geliebtes Kind bist!"

Wir betreten das Kircheninnere. Auf die Knie gehen bevor man die Sitzreihen betritt - fremd! Sich hinknien bevor man sich setzt - fremd. Wir Protestanten bleiben meist kurz zu einem Gebet stehen bevor wir uns setzen. Kniebänke gibt es nicht. "Wenn es irgend jemanden gibt vor dem Du dich knien würdest, so ist es doch der, dem Du Dein Leben verdankst, - so ist es doch vor Gott, oder?" Ja, das stimmt. Fast dankbar diese Möglichkeit wahrnehmen zu können gehe ich auf die Knie.
Seltsam, es betet sich anders. Nicht nur eine kurze Segensbitte für mich, nein, mir fallen plötzlich viele Menschen ein, die Gottes Segen und Hilfe bräuchten, Angehörige, Bekannte, Fremde, von denen ich nur über die Medien erfahren habe, Menschen, Nationen, Erdteile.

Trotz der vielen Menschen ist es merkwürdig still. Ich bin es gewohnt, daß Geplauder das Kirchenschiff vor einem Gottesdienst erfüllt und die Gemeinschaft der Gemeinde gepflegt wird.
"Aber es ist doch auch wichtig, daß man sich in Ruhe auf die Begegnung mit Gott einstellt." "Ich kann ihm doch immer und überall begegnen" "Das stimmt schon, aber Du bist doch extra seinetwegen hierher gekommen und hier kannst Du ganz besonders mit seiner Anwesenheit rechnen.-
Siehst Du das kleine rote Licht dort vorne?"
"Ja, wieso?" "Das ist das ewige Licht, das ist Gott." - Alarm in meinem Kopf! - Aberglaube, tiefstes Mittelalter!
Sie muß mir meine Gedanken angesehen haben: "Nein, nicht so wie Du denkst. Es ist nur ein Symbol für die ewige Anwesenheit Gottes, hier wie überall. Aber hier kannst Du es sehen, hier kannst Du auf jeden Fall mit Gott sprechen, hier ist er ganz bestimmt, weil Du an ihn denkst. Das ewige Licht ist ein Hilfsmittel für Dich seine Nähe wahrzunehmen." - "Ach so:"

Ein Glöckchen erklingt, alle stehen auf und ein Priester betritt die Kirche. Warum stehen den alle auf?
In einer evangelischen Kirche steht niemand auf, wenn ein Pfarrer den Raum betritt. Vor Gott sind doch, ohne Ansehen der Person, alle Menschen gleich, auch Pfarrer und Priester.

"Sieh es meinetwegen als einen Akt der Höflichkeit, so, wie Du auch aufstehst um eine Dame zu begrüßen, die sich an deinen Tisch setzt." Obwohl ich nicht das Gefühl habe, daß meine Frage wirklich beantwortet wäre, muß ich doch zugeben, daß diese Szene wesentlich feierlicher wirkt, als in einem evangelischen Gottesdienst.

Der weitere Verlauf erstaunt mich: Lesung, Evangelium, die Gebete, die gesamte Liturgie, ich höre keinen grundlegenden Unterschied zu den mir bekannten evangelischen Gottesdienstformen. Wo ist denn dieser große Unterschied zwischen den Konfessionen? Ich bin verwirrt. -

Doch, es fallen mir vier Unterschiede auf!

Unangenehm berührt es mich als im Glaubensbekenntnis die Worte gesprochen werden "ich glaube an die heilige katholische Kirche". Wir sprechen: "Ich glaube an die heilige christliche Kirche". Gehören wir Nichtkatholiken etwa nicht zur Gemeinschaft der Kirche? Warum werden wir ausgegrenzt? Sind wir Christen zweiter Klasse? Glauben die Katholiken, daß es in den anderen Konfessionen keine ernst und tief gläubigen Menschen gibt, die Gott und Jesus Christus zum Herrn ihres Lebens gemacht hätten. Ich bin verletzt und diese Formulierung kommt mir überheblich und lieblos vor - unchristlich.

Der andere Unterschied: Die Predigt.
In knapp zehn Minuten wird das Evangelium erklärt und sein Bezug zum Alltagsleben in einfachen aber klaren Worten erläutert. Eine evangelische Predigt dauert oft zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten. Der Pfarrer scheint vom hundertsten bis ins tausendste kommen zu wollen, feinsinnige theologische Gedanken werden gesponnen und, so interessant das Thema auch sein mag, schließlich kann man sich nicht mehr konzentrieren und zuhören. Husten und Füßescharren stören die Andacht.
Die kurze prägnante Predigt eines katholischen Gottesdienstes: Ein echter Pluspunkt.

Der dritte Unterschied: Die Lieder.
Obwohl der Liederschatz der evangelischen und der katholischen Kirchen viele gemeinsame Lieder enthält, fällt mir auf, daß viele mir unbekannte Lieder eine ausgesprochen frohe Melodie haben, fast schon wie Schunkellieder. Da wirkt jeder traditionelle evangelische Gottesdienst wie ein Bußgottesdienst. Ich kann diese frohen Lieder gut und leicht annehmen, ist doch der Glaube an unseren Gott nicht nur eine ernste, sondern auch ein befreiende, herzerfrischende, das Leben bereichernde Angelegenheit. Ja, es tut gut frohe Lieder zu singen.

Der vierte Unterschied: Die Art zu Beten
Für das Vater Unser und das Glaubensbekenntnis läßt man sich in einer protestantischen Kirche viel Zeit. Sind ihre Inhalte und Texte nicht Inhalt und Vorbild für alle christlichen Gebete? Sind sie nicht der auf das Wesentliche komprimierter Ausdruck unseres Glaubens? - Wie kann ich diesen Gebeten mit Herz und Geist folgen, wenn man Sie in kürzester Zeit herunterhaspelt? Wie soll ich meine eigenen Gedanken und Anliegen, meine eigene Lebenssituation mit einem Gebet verbinden und vor Gott aussprechen, wenn das Amen für mich viel zu früh kommt?

Schließlich folgt die Eucharistie, die wir Protestanten "das heilige Abendmal" nennen.
"Das sind doch die gleichen Worte in der gleichen Reihenfolge, das gleiche Ritual, das gleiche Sakrament wie bei uns". Ich fühle mich Gott, ich fühle mich unserem Herrn Jesus Christus ebenso nahe, wie bei einem protestantischen Abendmahlsgottesdienst, der leider nicht bei jedem Gottesdienstfeier stattfindet. Nur für einen kurzen Moment befallen mich unheilige Gedanken. Warum beugt sich der Priester mit ausgestreckten Armen über Brot und Wein, als wollte er Gott höchstpersönlich herbeizaubern?

Meine Begleiterin klärt meinen Irrtum später auf. "Du tust dem Priester unrecht. Er spielt sich keinesfalls als Zauberer auf, der Gott mit irgendwelchen Sprüchen herbeizitieren könnte, sondern er versucht nur so feierlich und so würdig wie möglich Gott zu bitten, daß er uns körperlich faß- und spürbar wird, daß wir seine Gegenwart im tiefsten Sinne des Wortes erleben."

Trotzdem bleiben in mir zwei Fragen: "Wenn doch Eucharistie und Abendmal in gleicher Weise begangen werden, wenn sie in gleicher Weise heilig empfunden werden, wenn sie von den Gläubigen in gleicher Weise die Nähe unseres Herrn Jesus spürbar machen, wenn sie doch in gleicher Weise frei machen von Schuld und Fehlern; - warum können wir nicht diese Feier miteinander begehen. Gott ist doch kein Vereinsmeier oder ein juristisch spitzfindiger Theologe, er ist doch ein Gott der Lebenden. Er ist groß und erhaben über die Streitfragen der Menschen und der Theologen.

Und - warum dürfen Katholiken nicht vom Blut Christi trinken, wenn Jesus sie doch auch dazu aufgefordert hat?"

Auch wenn es bei uns Protestanten nicht mehr üblich ist sich zu bekreuzigen, so habe ich dieses Zeichen des Segens für mich auch in meinen Gebetsalltag und in die evangelischen Gottesdienste mitgenommen. Ich nehme es als Zeichen dafür, daß ich Jesus, daß ich Gott und den heiligen Geist mit aus der Kirche hinaus in den Tag, in meinen Alltag nehme, ihn bei mir und mich zu ihm halte.

Alles in Allem habe ich durch meine Besuche in katholischen Meßfeiern festgestellt. Die Kirche Jesu ist reicher, viel reicher in ihren Möglichkeiten Gott den Menschen nahe zu bringen als es sich ein "normaler", evangelischer oder katholischer Christ vorstellen kann, ebenso wie Gott größer ist, als man es sich vorstellt.

Wir, ich meine beide und auch die anderen christlichen Konfessionen, können viel voneinander lernen und annehmen.

Nicht nur der protestantische Weg über den Verstand, sondern auch der katholische Weg über das Herz sind richtige und gute Wege zum Reich Gottes. Es sind Wege, die sich nicht ausschließen, sondern ergänzen, und die je nach Lebenssituation für die Menschen großen und kleinen Glaubens, stark oder schwach, gleich welcher Konfession ihre eigenen Vorteile und Stärken haben.

Ich selbst werde Protestant bleiben, weil dies meine Heimat ist, aber ich habe große Hochachtung vor den Katholiken und habe viel von ihnen gelernt.

Ich bin Gott dankbar, daß er in seinem Haus nicht nur viele Wohnungen hat, sondern auch, daß es an der Hand Jesu viele Wege zu ihm gibt.


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