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Kopftuchstreit in Deutschland

Die Wogen schlagen hoch. Darf eine muslimische Lehrerin im Unterricht ein Kopftuch tragen?
Das deutsche Verfassungsgericht stellt es den Bundesländern anheim darüber selbst zu verfügen.
Einige Bundesländer haben bereits ein Kopftuchverbot verfügt. Die Begründungen reichen von Verbot politischer Abzeichen bis zum "Schutz unterdrückter muslimischer Frauen".
Da wir uns in Deutschland, auch nach unserer politischen Verfassung, in einem christlich geprägtem Land befinden, macht es durchaus Sinn einmal darüber nachzudenken, wie sich die Situation aus christlicher Sicht darstellt.

Als Frau Angela Merkel vor einiger Zeit bei Papst Johannes Paul II zu einer Audienz erschien, trug auch sie ein Kopftuch. Als politisches Erkennungsmerkmal ist das Kopftuch bei der christlichen Union unbekannt. Es erscheint auch unwahrscheinlich, daß dieses Kopftuch contrazölibatäre Schmetterlinge im Bauch des katholischen Kirchenoberhauptes verhindern sollte. Als Zeichen der Unterdrückung dürfte das Kopftuch ebenfalls nicht zu bewerten sein, da Johannes Paul bislang keine Anstalten gemacht hat gegen Frau Merkel als Kanzlerkanditat in Deutschland anzutreten.

Der Grund für das Kopftuch liegt lediglich in der christlichen Tradition.

Bis vor wenigen Generationen war es durchaus bei Katholiken und Protestanten üblich, daß erwachsene Frauen zum Gottesdienstbesuch eine Kopfbedeckung, Kopftuch oder Hut, trugen. Dies ist, obgleich es bei manchen christlichen Konfessionen heute noch üblich ist, in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr, vor allem in Mitteleuropa, aus der Mode gekommen. Eine Diskussion um das Tragen von Kopftüchern erscheint aus christlicher Sicht, unter dieser Perspektive lächerlich. Denn die Kopftücher werden und wurden von Christinnen, ebenso wie von Muslima, nicht als Zeichen ihres Unterdrückung, sondern als Zeichen des Respekts vor Gott getragen.

Trotzdem hat der Streit um das Kopftuch eine lange Tradition wie wir aus einer sehr langatmigen Diskussion im ersten Korintherbrief von Paulus wissen:


11,5 Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren.
11,6 Will sie sich nicht bedecken, so soll sie sich doch das Haar abschneiden lassen! Weil es aber für die Frau eine Schande ist, daß sie das Haar abgeschnitten hat oder geschoren ist, soll sie das Haupt bedecken.
....
11,10 Darum soll die Frau eine Macht* auf dem Haupt haben um der Engel willen. *«Macht» bedeutet wohl «Schleier».
....
11,13 Urteilt bei euch selbst, ob es sich ziemt, daß eine Frau unbedeckt vor Gott betet.
....
11,16 Ist aber jemand unter euch, der Lust hat, darüber zu streiten, so soll er wissen, daß wir diese Sitte nicht haben, die Gemeinden Gottes auch nicht.


Eine ziemlich langatmige Erklärung, nicht war?
Bringen wir sie auf den Punkt: Kopftücher sind keine Frage göttlicher oder politischer Gebote. Selbst Paulus schreibt nur über sein eigenes, sittliches Empfinden, daß die Kleidung vor Gott repektierlich sein soll. Über Modefragen will sich der Apostel meines Erachtens bewußt nicht äußern. Einen Streit diesbezüglich kennzeichnet Paulus in 11,16 sogar als gegen die Sitten jeglicher "Gemeinden Gottes". Wohl als Folge dieses Briefes an die Korinther ist die Sitte des Kopftuchtragens nicht nur im Gottesdienst, sondern auch bei vielen Landestrachten in christlich geprägten Ländern gekommen. Vergleichbare Überlegungen anderer Religionen dürften zum gleichen Ergebnis geführt haben.

Daß 2000 Jahre später erneut gestritten wird, ob Frauen aus religiösen Gründen Kopftücher tragen sollen oder dürfen zeigt in meinen Augen, daß wir uns in einer postchristlichen Gesellschaft befinden, in der selbst hochgebildete Politiker, Richter und christliche Theologen sich in religiösen Gebräuchen nicht mehr auskennen. In den Augen von Christen ein interessanter Aspekt, denn heute erkennt er so sehr leicht "wes Geistes Kind" dieser oder jener "Christ" ist.
Auch der christliche Aspekt, daß man an den Früchten erkennen kann, wen man vor sich hat, springt jedem Christen ins Auge: Denn nicht das Tragen einer von religiösen Motiven bestimmten Kleidung, sondern das Verbot dieser Kleidung ist Unterdrückung.

Und Unterdrückung – ist widerchristlich.